Undine Materni

Wieder ein Tag ohne Krieg

Erzählung

Undine Materni, von der wir schon die persönliche Kurzgeschichte Friedas Himmelfahrt über das Leben und Vergehen ihrer Großmutter im Programm haben, schreibt hier ein Frauenleben in der DDR auf, das in der Nachkriegszeit mit Hunger begann.

2,99 

2,99  E-Book

ca. 30 Seiten

ISBN 978-3-948631-31-4
E-Book

ca. 30 Seiten

9. September 2022

„Undine Materni war in ihrem Leben Sportlerin, Chemikerin, Kellnerin, Wirtin, Herausgeberin. Doch vor allem ist sie eine Schriftstellerin, die Aufmerksamkeit verdient.“
Joachim Scholl, Deutschlandfunk Lesart

Inhalt: Nachkriegszeit DDR

Die Dresdner Autorin Undine Materni schreibt eine gleichzeitig reflexive und bildreiche Prosa, in der das Denken und Fühlen einer Mutter, Tochter, einer Träumenden, einer für die Familie Kochenden, einer sich Sehnenden erzählt wird. Ein Leben in der Nachkriegszeit der DDR, das von der hilflosen Frage geprägt war, wie man leben soll zwischen schweigsamen Männern, ins Weite aufbrechenden Kindern, zwischen Häkelkissen und dem Wunsch nach weichen Worten. Und was dann zählte: die verschiedenen Arten von Liebe oder das, was man für Liebe halten kann.

Eine Mutter war die Frau bald selbst geworden. Das lange Haar, ihr kurzer Jugendstolz, war abgeschnitten und in krause Wellen gelegt, damit es nicht störte beim Erwachsensein. Schnell ging sie mit dem Mann, der etwas mehr versprach mit seinem weichen Mund, nach diesem Krieg. Im Osten nahe Breslau war sie geboren, der Name ihres Kinderdorfes sank in eine andere Sprache, als man sie als kleines Bündel auf einem Wagen mitnahm. Ihr großer Bruder konnte schon laufen und schweigen. Im Anhaltinischen wohnten Verwandte des Vaters. Die öffneten widerwillig die Türen ihres Hauses, räumten ein winziges Zimmer. Daraus stahlen sie später den wenigen Reis aus dem Topf, die raren Kartoffeln. Der Vater brachte abends den Kindern manchmal Pflaumenmusbrote ins Bett, wenn er von der Schicht im Bergwerk kam. In den niedrigen Stollen unter der Erde wurde der große drahtige Mann für viele Stunden ganz klein. Sie lag im Bett mit ihrem Bruder, träumte vom Hunger, einem riesigen Mann, der aus den Mägen alles Erdenkliche schaufelte und zu Gold spann. Dieser Mann drehte ihnen immer dann den Rücken zu, wenn sie ihn packen wollten.

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Die Autorin

Undine Materni, geboren 1963 in Sangerhausen, arbeitete nach einem Chemiestudium als Forschungsingenieurin, Altenpflegerin, Kellnerin und war Mitherausgeberin der Dresdner Literaturzeitschrift reiterIn. Von 1990 bis 1993 studierte sie am Literaturinstitut Leipzig. Sie lebt als Autorin, Literaturkritikerin, Lektorin und Akteurin der Bürgerbühne in Dresden. 2000 erhielt sie den Literaturpreis des MDR und 2008 den Literaturförderpreis des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt Wünschen und Wollen. Gedichte (tauland, 2018), Das abwesende Haus meines Vaters. Ein Gedicht (SagenhaphterVerlag, 2019). Bei mikrotext sind ihre Erzählungen erschienen Friedas Himmelfahrt und Wieder ein Tag ohne Krieg.