Dora Kaprálová
Die Mariborhypnose

Dora Kaprálová ist mit ihrem magischen Porträt einer europäischen Kleinstadt – samt Diktator und Hypnotiseur – aus der Sicht einer Stubenfliege Die Mariborhypnose für den Europäischen Literaturpreis 2026 nominiert.
13,99 € – 24,00 €
Magnesia Litera: Hauptpreis 2026
Magnesia Litera: Bestes Buch in Prosa 2026
Shortlist European Prize for Literature 2026
„Geradezu animalische Freude an Imagination und eine wahrhaft beispiellose Kreativität.“
Kryštof Špidla
„Es kommt nicht allzu oft vor, dass man literarisch bemerkenswerte Prosa in die Hände bekommt, bei deren Leichtigkeit und Einfallsreichtum man sich gut unterhält, dabei aber spürt, wie aus dem Untergrund auch etwas Schwerwiegendes heranwächst.“
Kamila Drahoňovsk
„Der Roman von Dora Kaprálová hat mich sowohl gerührt als auch verärgert, ich würde die Autorin gerne in meine private Residenz auf der Insel Brijuni einladen.“
Josip Broz Tito
„Dora Kaprálová ist eine außergewöhnliche Autorin. Radikale Zärtlichkeit, subtiler Feminismus, brutale Ehrlichkeit.“
Jáchym Topol
Inhalt: Stubenfliege besucht Maribor
Die Mariborhypnose verbindet das Leben einer Stubenfliege mit der Liebesgeschichte des Hypnotiseurs Leo Svengali und seine Assistentin Elis.
Die Erzählerin reist in die slowenische Kleinstadt Maribor, um einen Reiseführer zu schreiben, beschließt jedoch stattdessen, die Stadt aus der Perspektive einer Fliege kennenzulernen.
Gestalten der Gegenwart wie der Gitarrist Jim, der US-amerikanische Hofnarr Timo oder die 80-jährige Hostesse Daša, die Putin als einen Retter sieht, sowie historische Figuren des 20. Jahrhunderts treten auf, insbesondere Josip Broz Tito, der umstrittene »wohlmeinende Diktator«, der Schriftsteller Hašek und der Dramatiker Wedekind. Die kaleidoskopische Perspektive aus der Sicht eines Insekts ermöglicht eine originelle Erzählweise, in der sich Fakten und Fiktion miteinander verflechten und eine hypnotische Wirkung erzeugen.
Ein Roman über den Balkan und Europa sowie über eine wenig beachtete Stadt, unter der die Drau dunkel dahinfließt, sowie eine Reflexion über Magie, Macht und die Kraft der Illusion.
Die Übersetzung aus dem Tschechischen wurde freundlicherweise gefördert vom Kulturministerium der Tschechischen Republik.
Svengali kam zu seinem Künstlernamen wie die Jungfrau zum Kind, genauso verhielt es sich mit seiner Profession als Hypnotiseur.
Es geschah ungefähr folgendermaßen: Als er, um 1900, etwa sechs Jahre alt war, kehrte er mit seiner Familie mit dem Fuhrwerk von einem nahe gelegenen Markt zurück. Es war schon längst dunkel, Aprilnacht, es regnete, der Wagen war mit Petroleumlampen behangen. Sie fuhren einen durchweichten Hohlweg entlang, der Verlobte seiner Schwester kutschierte, plötzlich erblickte der kleine Leopold auf dem Weg nur ein paar Meter entfernt von ihrem Bauernhof reglose Kröten.
Er beugte sich zur schwangeren Schwester und flüsterte: Schau mal Elfi. Reglose Kröten. Das Licht vom Wagen hat sie gelähmt.
Die empfindliche Schwester fragte: Überfahren wir sie etwa?
Sicher nicht, antwortete Leopold erwachsen, doch seinen Augen bot sich ein ganz anderer Anblick: ein Bild von frisch überfahrenen toten Kröten.
Am frühen Morgen sammelte er sie hastig ein und warf sie auf den Misthaufen, wo sie innerhalb der nächsten Stunden von fleißigen Fliegen besiedelt wurden.
Und, haben wir sie wirklich nicht überfahren?, fragte die ältere Schwester am Mittag erneut.
Nicht eine einzige, log der zukünftige Illusionist und lächelte gedankenverloren.
Damals hat er vermutlich das erste Mal verstanden, dass Illusionen einen vorübergehenden Trost bringen können, auch wenn sie mit zunehmender Zeit verheerend sind. Man zählt nur die, die nicht schaden, Illusionen des vergänglichen Augenblicks, die gar nichts mit der hinterhältigen Fiktion zu tun haben, die sich in unserer Welt wie Fliegenpest ausbreitet.
Leopold wusste schon in frühen Jahren, dass es eine weiße und schwarze Magie gibt. Und er wusste damals schon, dass er versuchen würde, die schwarze zu meiden.