Katerina Vasiliou
Komm, komm
Memoir

Katerina Vasilious Memoir Komm, Komm betrachtet ethnischen Nationalismus, historische Traumata und die Auswirkungen von Grenzen und Gewalt auf Familien. Sehr persönlich erzählt.
16,99 € – 28,00 €
„Katerina Vasiliou erzählt die Geschichte von uns allen, die wir mit mehr als nur einer Herkunft, einer Wurzel, einer Sprache aufgewachsen sind. Die die Grenzen zwischen imaginierter und tatsächlicher Heimat permanent ausloten müssen. Sie erzählt mit Witz und Tempo, gleichzeitig mit Tiefe und Traurigkeit – die Dissonanz, die wir, die wir auch mehr als nur ,eins´ sind, immer in uns tragen. Must-Read!“
Rasha Khayat
Inhalt: Zypern, Familie, Herkunft
Katerina Vasiliou wächst im Großbritannien der 1980er in einer britisch-zypriotischen Familie auf. Die Sommer werden im griechischen Teil Zyperns verbracht, unter der Sonne, am Meer, mit Mittelmeerküche, mit der Großmutter, der Verwandtschaft. Als Erwachsene beantragt sie wegen des Brexits die zypriotische Staatsangehörigkeit und fängt an, sich stärker mit diesem Teil ihrer Herkunft und familiären Traumata und Leerstellen auseinanderzusetzen.
Vasilious Memoir Komm, komm liest sich wie ein Versöhnungbuch, im Privaten wie im Politischen. Klug, detailliert, persönlich und historisch recherchiert, mit schrägen Humor, dialogisch und sehr szenisch erzählt sie vom nicht immer unproblematischen Aufwachsen zwischen mehreren Kulturen und Erinnerungen.
Die Übersetzung des Titels wurde in einem Crowdfunding von mehr als 100 Leser*innen mitfinanziert. Vielen Dank an alle!
Prólogos, Prolog
Ich bin noch zu klein, um zu wissen, was Celsius ist, aber eins ist klar: Es ist heiß. Neben mir sitzt meine Oma, meine schwitzige Hand liegt auf ihrem Rock. Mein Oberschenkel drückt an den meiner älteren Schwester, die auf der anderen Seite neben mir sitzt, unsere nackten Beine in farblich abgestimmten, superkurzen Shorts. Es ist zu eng, beschwert sich Lénia und rutscht weiter in Richtung Autotür. Dabei bleiben unsere Oberschenkel kurz aneinander kleben und dann ziept es, als würde sie mir ein Pflaster abreißen.
Vor dem Autofenster nur flache Landschaft, platt und öde, hier und da ein bisschen braunes und gelbes Gestrüpp. Mein Vater hat das Fenster auf der Fahrerseite runtergekurbelt, sein Unterarm hängt raus, das Steuer in einer Hand. Sein Gesicht liegt halb im grünlichen Schatten seiner Sonnenbrille, seine welligen schwarzen Haare ragen rechts und links oberhalb der Kopfstütze hervor. Meine Mutter sitzt auf dem Beifahrersitz. Auch sie hat eine Sonnenbrille auf, und wegen meiner kleinen Schwester in ihrem Bauch ist ihr ist doppelt so heiß wie allen anderen, behauptet sie. Wenn es nach Lénia und mir ginge, soll das Baby Penelope Pitstop heißen, wie die rosagekleidete Blondine aus Autorennen Total. Meine Mum ist für Laura, mein Dad findet, sie soll Orsalía heißen, nach einer seiner Tanten. „Orsy Hottehüh“, spotten wir, weil Orsy im Englischen wie Horsie, Pferdchen, klingt. Im Grunde spielt es keine Rolle, er hofft stur weiter auf einen Sohn, auch wenn der Arzt das für unwahrscheinlich hält.
„Verdammt!“, überbrüllt mein Dad plötzlich die Bouzouki-Musik.
„Dimítri!“ In der Stimme meiner Mum liegt ihr üblicher „Denk-an-die-Kinder“-Ton.
„Wir sind zu dicht dran!“
„Wo dran?“
„Zu dicht an der Grenze. Noch ein paar Meter und das war‘s. Siehst du den Turm?“ Er fuchtelt vor dem Gesicht meiner Mutter zum linken Fenster, unsere Blicke folgen seiner Hand. Eindeutig, auf dem Bergrücken flimmert ein schwarzer Turm in der Hitze.
„Noch einen Meter und die Türken bringen uns um!“
Wir rasen mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Meine Füße scheinen plötzlich zu brennen, mein ganzer Körper steht in Flammen und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich jetzt sterben muss. Meine kleine Babyschwester nie kennenlernen werde. Völlig panisch, was gleich auf uns zukommt, Blut, Schmerzen, unser aller Ende, presse ich mich an meine Oma. Mit einem Kreischen wird das Auto herumgerissen, Lénia fliegt über mich, sowas wie Anschnallgurte für die Rückbank gibt es noch nicht. Wir rasen in die Richtung zurück, aus der wir gekommen sind. Mein Dad bricht in schrilles Gelächter aus. „Glaubt bloß nicht, dass ich zulasse, dass die uns kriegen!“
Ich muss mich sehr zusammenreißen, das Schluchzen zu unterdrücken, das unbedingt aus meiner Brust heraus will.
Ich bin messerscharf davon überzeugt, dass der Vorfall mit dem Auto ohne jede Übertreibung exakt so stattgefunden hat. Ich könnte sogar schwören, dass er exakt so stattgefunden hat. Allerdings bin ich damit die Einzige. Als ich sie darauf anspreche, kann meine Schwester Lénia sich nicht erinnern, und meine Eltern fallen aus allen Wolken: „So ein Risiko wären wir doch niemals eingegangen“, beteuern sie.