Elfi Conrad
Schneeflocken wie Feuer
Roman

Während eines Klassentreffens holen Erinnerungen die fast 80-jährige Dora ein, an ihr 17-jähriges Ich, das wagte, dem eigenen Begehren nachzugehen: den von Rockmusik begeisterten Musiklehrer zum Tanz aufzufordern und mit ihm gesellschaftliche Tabus zu durchbrechen.
13,99 € – 26,00 €
„Radikal. Schamlos. Mehr davon!“
Katarina Hellinger
„Am Beispiel eines freien Falls in die Schulklassen und Beatkeller der sechziger Jahre, aus der Perspektive der alten wie der jungen Frau, scheint Phil Miras/Elfi Conrads in früheren Büchern bewiesene Fähigkeit auf, mitreißende Handlung, psychologische Analyse und Portrait einer Zeit zu verweben.“
Bodo Morshäuser
„Dieser schonungslose Blick auf sich selbst! Ich konnte bis in die Nacht nicht aufhören zu lesen.“
Sarah Raich
Inhalt: Befreiung und Emanzipation
Anfang der 1960er Jahre: sexuelle Tabus, veraltete Frauenbilder, patriarchale Strukturen. Für die Erniedrigung, die sie jeden Tag erlebt, will sich die 17-jährige Dora rächen. Ihr Opfer ist der Musiklehrer, ihre Waffe ist ihre Weiblichkeit. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln möchte sie ihn verführen.
Dora balanciert auf dem schmalen Grat zwischen aufgeklärter Gegenwart und beengter Vergangenheit. Die ihr zugeschriebene Rolle als ältere Tochter, Schülerin, junge Frau beherrscht sie zwar perfekt, dennoch kann sie sich nicht mit den dazugehörigen Grenzen abfinden.
Der Verführer von Doras Mutter war Adolf Hitler. Als Vertriebene aus Niederschlesien hängt sie ihrer Heimat und dem NS-Regime nach. Die Erzählungen der Mutter und die Folgen des Zweiten Weltkriegs prägen Doras Leben. Sechzig Jahre später schaut die Ich-Erzählerin auf ihre Jugend im Oberharz zurück, ordnet kritisch ein und verknüpft ihre Erinnerungen mit der Gegenwart.
Online-Premiere: 15. Juni, 20 Uhr
Playlist: Sixties-Party

Ich war siebzehn und ich war eine Frau.
Es ist nicht so, dass ich dachte, ich sei eine Frau. Nein, ich war eine Frau, fühlte mich nicht anders als heute.
Heute bin ich alt, fast achtzig. Aber dieses Gefühl ist über die Jahrzehnte hinweg gleichgeblieben. Erfahrung und Wissen haben es nicht verändert.
Wir haben damals alle ausgesehen wie Kindfrauen. Doch das Kindliche war nur das Äußere: die Babyhaut, die uns umspannte, die großen unschuldigen Augen, die unsere marmornen Gesichter beherrschten. Innerlich verfügten wir über eine ausgeklügelte Raffinesse, uns in Szene zu setzen. Und ich war in dieser Hinsicht skrupellos.
Nicht allein die Scham lässt mich das sagen. Da ist etwas, das schwerer wiegt und heute noch auf mir lastet. Das alles hochkochen lässt, weil ich ihn beim Klassentreffen vor ein paar Tagen auf einem Foto sah.
Natürlich erkannte ich ihn sofort, als sei alles erst vor Kurzem geschehen und nicht vor bald sechzig Jahren.
Ich zuckte zusammen, der Abend mit den ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern war mir jetzt ein wenig verleidet. Was war das für eine unselige Sitte, Fotos der Schulzeit zu zeigen, inzwischen digitalisiert und als JPGs auf einem Computer präsentiert!
Den anderen war offenbar nicht klar, wer da – unscharf und in Schwarzweiß – mit seiner Gitarre bei einer Schulaufführung saß. Oder wollten sie es nicht wissen? Schauten nicht ein paar verstohlen zu mir herüber?
Der, der die Fotos in JPGs umgewandelt hatte, schien auch etwas zu bemerken. Warum ging er so schnell zum nächsten Foto über? Gunther, der mich jedes Mal in seinem Wagen zum Klassentreffen mitnimmt, weil es kein großer Umweg für ihn ist. Der mir, als ich vierzehn war, den ersten Kuss auf den Mund gedrückt hat. Gunther, mit dem ich seit zwanzig Jahren Mails hin- und herschreibe.
Und sein Blick, was sagte der: Du hast nie über ihn gesprochen, weder im Wagen noch in deinen Mails. Aber du kannst mir nichts vormachen!
Bei allen anderen Fotos wurde minutenlang palavert: „Weißt du noch, Martin hat uns doch bei der Abiprüfung die Mathelösungen auf dem Klo hinterlassen, der ist auch schon gestorben, Darmkrebs.“
„Ach, die Klassenfahrt nach München. Wo wir nachts in den Mädchenschlafzimmern erwischt wurden! Aber der Steinbach war super, der hat uns nicht verraten.“
„Dem Geschichtslehrer, wie hieß der noch? Dem haben wir Schnaps in die Thermoskanne getan!“
„Und hat der Geschichtsunterricht stattgefunden?“, fragte ich. „Klar, hast du’s nicht mitbekommen, Dora? Die lustigste Stunde überhaupt!“ Die anderen lachten und lachten, beschrieben jede Einzelheit. Ich konnte mich nicht erinnern.
An den, der sich unter die Schüler gemischt hatte, weil er so gut Gitarre spielte und eine Rockband hatte, erinnere ich mich genau. Ich könnte ihn zeichnen, auch ohne dass ich ihn auf jenem Foto gesehen hätte: ziemlich klein für einen Mann, nicht viel größer als ich. Damals maß ich 1,64, zwei oder drei Zentimeter habe ich vermutlich inzwischen eingebüßt. Zart und schmal, die Schultern, die Hüften, die Nase. Wäre er groß gewesen, mit langen dünnen Gliedmaßen und langen Händen und langen Füßen, hätte man ihn leptosom genannt; gebraucht man heute noch solche Klassifikationen?
So aber war er einfach ein zerbrechlicher, junger Mann, der keinen Sport trieb. Im Gegensatz zu mir, die ich regelmäßig Geräteturnen trainierte. Als ich ihn später spaßeshalber in den Schwitzkasten nahm, konnte er sich nicht herauswinden.
Er hatte keine Chance, mir zu entkommen.