Dinçer Güçyeter

Unser Deutschlandmärchen

Roman

Unser Deutschlandmärchen ist eine Familiengeschichte in vielen Stimmen. Frauen mehrerer Generationen und der in Almanya geborene Sohn erinnern sich in poetischen, oft mythischen, kräftigen Bildern und in Monologen, Dialogen, Träumen, Gebeten, Chören. Dinçer Güçyeter erzählt vom Schicksal türkischer Griechen, von archaischer Verwurzelung in anatolischem Leben und von der Herausforderung, als Gastarbeiterin und als deren Nachkomme in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.

Mit vielen Fotografien aus dem Privatarchiv des Autors

13,99 25,00 

25,00  Hardcover

216 Seiten, Hardcover

ISBN 978-3-948631-16-1
13,99  E-Book
ISBN 978-3-948631-17-8
E-Book
Hardcover

216 Seiten, Hardcover

8. November 2022

„Nun ist es ihm gelungen, aus Fatmas Schweigen, das sie mit so vielen Frauen und Männern ihrer Generation teilt, großartige Literatur zu machen. Man muss dieses eigenwillige, raue Buch unbedingt lesen.“
Karen Krüger, Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Die erste Generation von Menschen, die als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, ist zuletzt verstärkt Thema der Gegenwartsliteratur gewesen. Doch stilistisch so facettenreich wie der 1979 in Nettetal geborene Schriftsteller und Verleger Dinçer Güçyeter sich der Geschichte seiner Eltern annimmt, dürfte man diesen Aspekt der bundesrepublikanischen Geschichte noch nicht zu lesen bekommen haben.“
SWR Bestenliste

„Ein Buch, das einen wie ein Blitzschlag trifft und einen mit einer anderen Sicht auf die Welt zurücklässt. Eine definitive Leseempfehlung.“
Denis Scheck, SWR Lesenswert

„Ein manchmal leises, sanftes, verletzliches Buch, oft aber ein ebenso wütendes, verletztes, aufbegehrendes Buch. Vor allem aber ist es ein virtuos komponiertes Sprachkunstwerk, dem man sich nicht entziehen kann.“
Gerrit Wustmann, Qantara

„Flirrender, eigenwilliger Debütroman.“
Insa Wilke, Süddeutsche Zeitung

„Die Träume, die Erwartungen, der eigene Weg: In Unser Deutschlandmärchen erzählt Dinçer Güçyeter vielstimmig aus dem Leben von ,Gastarbeitern‘.“
Fridtjof Küchemann und Maria Wiesner, FAZ Podcast

„Eine Familiengeschichte in ganz eigener Sprache und Form. Mich hat sie berührt.“
Miriam Zeh, books up!

„Mit seiner urwüchsig wuchernden archaischen Bildsprache ein überzeugendes Buch.
ekz Bibliotheksservice, Manfred Bosch

„Persönlich und immer wieder überraschend im Wechsel der Tonlagen.“
Buchreport Express

„Eine Geschichte vom Ankommen gegen alle Widerstände? Eine skeptische Bestandsaufnahme? Eine Liebeserklärung vielleicht, eine zornige Abrechnung oder eine sentimentale Familiengeschichte? Dinçer Güçyeter zieht allen Erwartungen den Teppich unter den Füßen weg und beschert einen in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Roman.“
Julia Schröder, Deutschlandfunk / Büchermarkt

„Abgesehen von seiner literarischen Qualität ist Unser Deutschlandmärchen auch eine Hommage an die vielen Menschen, die seit 1961 aus der Türkei nach Deutschland kamen, im Gepäck wenig mehr als die Hoffnung, genug Geld zu verdienen, um in ein paar Jahren als gemachte Leute in die Heimat zurückzukehren.“
Daniela Abels, Kölnische Rundschau

„Intensiv und berührend, schonungslos ehrlich und nuanciert erzählt.“
Paul Jennerjahn, Stadtrevue

„Jenseits des Begriffs ,Kulturen‘, dem Plural eines heiß umworbenen, strittigen und daher undefiniertem Singulars, den irgendwelche Dumpfbacken 1996 zum Anlass nahmen, von einem ,Kampf der Kulturen‘ (The Clash of Civilisations) zu faseln, um sich als hilfreiche ,Weltpolizei‘ aufspielen zu können, wird in dem Buch detailgetreu, in schonungsloser Ehrlichkeit mit viel Liebe die Wirklichkeit dreier Generationen geschildert, von der Großmutter über die Mutter bis zum Enkel, in einer Niederschrift über die ,freiwilligen Diener des Schicksals‘, denen ,die Kanne eine Erde schenkt, auf der sie sich ausbreiten können‘, voller Poesie und Einfühlsamkeit.“
Björn Eriksson, Philosophische Schnipsel

„Ein bewegender Roman.“
Martin Oehlen, Bücheratlas

„Ich kenne und liebe Dinçers Lyrik. Dass er nun einen Roman geschrieben hat, ist eine sehr gute Nachricht.“
Saša Stanišić

Inhalt: Heimat und Familie

Dieser vielstimmige Debütroman erstreckt sich sich vom Anfang des letzten Jahrhunderts bis beinah in die Jetztzeit. Er lässt nichts aus, keine Vergewaltigung, kein Missverständnis, keinen Konflikt am Arbeitsplatz, ganz gleich ob in der Schuhfabrik, beim Bauern auf dem Feld oder in der eigenen Kneipe. Und dann ist da noch die Erwartung der Mutter an den heranwachsenden Sohn, der ihr als starker Mann zur Seite stehen soll, selbst jedoch eine gänzlich andere Vorstellung von einem erfüllten Leben hat …

BUCH DES MONATS FEBRUAR 2023

Eine Geschichte vom Aufwachsen zwischen zwei unerreichbaren Heimaten, ein großes Zwiegespräch mit der Mutter, ein „Film, in dem du nicht mitspielen darfst“ – all dies ist der erste Roman des Lyrikers Dinçer Güçyeter. Zur Welt gekommen als Kind türkischer Eltern am Niederrhein, unweit der holländischen Grenze, schrieb Güçyeter sein erstes Gedicht mit acht Jahren, für den Lyrikband „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“ erhielt er 2022 den Peter-Huchel-Preis. Er hat Theater gespielt, Stücke geschrieben und inszeniert, hat den Elif Verlag gegründet, der immer wieder mit Entdeckungen von sich reden macht. Das alles finanziert er, gelernter Werkzeugmechaniker, bis heute mit Gabelstaplerfahren. Auf das Land, in dem er 1979 geboren wurde, schaut Dinçer Güçyeter aus der Perspektive derjenigen, die in den Sechzigerjahren zum Arbeiten kamen und geblieben sind, wie Güçyeters Eltern, und aus der ihrer Kinder, der „zweiten Generation“. „Unser Deutschlandmärchen“ zieht allen Erwartungen den Teppich unter den Füßen weg, auch durch den Wechsel der Tonlagen und der literarischen Formen. Neben lyrischer, bildstarker Verdichtung steht die munter geschilderte Anekdote oder die dramatische Szene, neben klagend-melancholischer Litanei die entnervte Anklage, die sarkastische Zwischenbilanz, das poetische Manifest. Sehr persönlich erzählt dieser Roman vom Aufwachsen mit widersprüchlichen Regelsystemen, von der generationsübergreifenden Suche nach Heimat und vom Überschreiten der Grenzen von Herkunft, Klasse und Geschlechterrolle, von der Erinnerung selbst – und vom Finden der eigenen Sprache.  

Darmstädter Jury „Buch des Monats e.V.“, Julia Schröder

Lesungen

2022

  • 23. November: Köln, Literaturhaus, mit Ulrich Noller
  • 1. Dezember: Berlin, ocelot, mit Kaśka Bryla
  • 13. Dezember: Düsseldorf
  • 14. Dezember: Göttingen
  • 15. Dezember: Osnabrück

2023

  • 25. und 26. Februar: Mannheimer Literaturfestival, mit Insa Wilke
  • 27. Februar: Frankfurt, Hessisches Literaturforum, mit Beate Tröger
  • 4. März: Köln, Litcologne
  • 6. März: Krefeld, Fabrik Reeder, mit Emine Sevgi Özdamar
  • 9. März: Mönchengladbach, Stadtbibliothek
  • 14. März: Bonn, Buchhandlung Böttger
  • 21. März: Hamburg, Schweitzer Fachinformationen
  • 23. März: Heidelberg, Interkulturelles Zentrum
  • 24. März: Dresden, Leseclubfestival
  • 25. März: Neuss, Kikis Galerie
  • 30. März: Nettetal, Alte Kirche
  • 31. März: Bremen, Literaturhaus
  • 3. April: Staufen
  • 4. April: Freiburg, Literaturhaus
  • 5. April: Stuttgart, Literaturhaus / Deutsch-Türkisches Forum
  • 19. April: Dortmund, Literaturhaus
  • 20. April: Hamburg, Buchhandlung Kortes
  • 21.-22. April: Göttingen, Literaturfestival Niedersachsen
  • 23. April: Lübeck, Buchmachermesse
  • 27. bis 30. April: Leipziger Buchmesse
  • 29. April: Leipzig, Gohliser Schlösschen
  • 29. April: Leipzig, Literaturforum der Unabhängigen, 22 Uhr
  • 4. Mai: Leipzig, Rotorbooks
  • 11. Mai: Bad Ischl / Österreich, KURDIREKTION Verlagsbuchhandlung
  • 13. Mai: Feldkirch / Österreich, Theater am Saumarkt
  • 19. Mai: Reyjkavik / Island, Poetry Reading
  • 26. Mai: Frankfurt, Lyriktage
  • 9. Juni: Ankara / Türkei, Goethe-Institut
  • 15. Juni: Altenberg, Literatur am Dom
  • 25. August: Nettetal, Atelier van Eyk
  • 3. September: Stein am Rhein / Schweiz, Steiner Kulturhaus
  • 8.-10. September: Innsbruck, Sprachsalz 
  • 28. September: Stadthagen, Synagoge
  • 6. November: Wien, Alte Schmiede
  • 17. November: Köln, King Georg

Gespräch am Samstag mit Dinçer Güçyeter
Hier nachhören: WDR3, Cosmo

Das Lied der Nachtfalter / Hanife

Hanife ist mein Name. Ich bin die Tochter der Nomadin Ayşe und von Ömer Bey. Ömer Bey, der unter seinem Dach fünf Frauen für den Nachwuchs, für seinen Stamm sammelte. Ich werde euch kurz meine Geschichte erzählen, dann meine schwere Zunge meiner Tochter Fatma übergeben. Dinçer, mein Enkelsohn, er will es so. Ich war zunächst die Frau des Tabakschmugglers Osman. Seine Leiche wurde eines Morgens in den Hof getragen. Ich weiß nicht, warum er so plötzlich gestorben war. Manche sagten, sein Herz hätte aufgegeben, andere wiederum, man hätte ihn erschossen. Er war tot, und so war ich nicht mehr seine Frau, ich durfte seinen Körper nicht mehr anfassen, das wäre für mich als Witwe eine Sünde gewesen.

Hanife ist mein Name. Ich bin die Tochter der Nomadin Ayşe. Sie kam aus Griechenland, als viele Menschen auf einmal das Land verlassen sollten. Zusammen mit vielen anderen Frauen wurde sie auf einem Pferdekarren auf den Marktplatz des Dorfes gefahren. Es gibt in unserem Glauben eine Regel, die den Männerschwänzen dient: Ein obdachloses Weib zu behüten, ist die Pflicht eines jeden Mannes. Die ersten Männer dieser Frauen waren im Krieg gefallen. Jetzt warteten hier die nächsten auf sie, mit ihren steifen Werkzeugen. Bekamen die Möglichkeit, das Gewissen ihrer Schwänze zu beruhigen. Ömer Bey nahm meine Mutter auf. In der ersten Nacht bespritzte er sie mit seinem Samen. Ich wurde in ihrer Gebärmutter zu Hanife.

Ich war noch ein kleines Mädchen, da brachte Ömer Bey drei weitere Frauen in die Hütte. Meine Mutter hatte keinen Namen, sie war die Nomadin. Nomadin, koche die Wäsche … Nomadin, trage das Heu in den Stall … Nomadin, rupfe das Huhn … Nomadin, zieh die Hose runter … Meine hilflose Mutter lief von morgens bis abends die Treppen im riesigen Haus rauf und runter. Ihr weißes Kopftuch rutschte immer vom Kopf auf die Schulter. Sie war eine Fremde unter allen, sie war die morsche Stufe der steilen Treppe.

Bald war ich selber reif, um das Schicksal meiner Mutter zu teilen. Osman Bey kam und nahm mich mit. Ich wurde sein Weib, sein Spucknapf, einfach so … An einem kalten Morgen war ich auf dem Weg zum Dreschplatz. Die Nachbarin rief mir hinterher Hanifeeeeeeeee, deine Mutter soll schwer krank sein, sie soll nur noch liegen. Ich ließ alles fallen und rannte zum Elternhaus. Die zweite Frau des Hauses empfing mich am Tor, das zum Hof führt. Schön, dass du da bist, jetzt kannst du ihr bitte sehr den Hintern abputzen murmelte sie abwertend und spuckte mir vor die Füße. Ich habe das überhört, ich wollte nur meine Mutter sehen. Sie lag in ihrem Bett, die Frau, die mit ihrer großen Statur Berge versetzen konnte, lag wie ein abgestochenes Kalb auf dem Boden. Eilig kochte ich eine warme Suppe für sie. Sie konnte nur noch Tropfen schlucken, die Suppe rann von ihrem wunden Mund hinunter auf den Hals. Gegen Abend ging ich nach Hause, meine Tränen überfluteten den staubigen Weg. Im Treppenhaus wartete der Schwiegervater. Wo warst du den ganzen Tag, wer soll die ganze Arbeit am Dreschplatz erledigen, wenn nicht du! raunzte er mich an und schlug den Lehmkrug auf meinen Kopf. Das war sehr großzügig von ihm, die Tritte danach spürte ich nicht mehr. Mein Mann, Osman Bey, schlachtete das Schaf im Stall und wickelte mich in sein Fell. Ich war mit dem ersten Kind schwanger, das wussten alle. Gott ist groß, ihm ist nichts passiert, das war mein einziger Trost. Nach drei Tagen musste ich wieder mit aufs Feld, das Heu musste auf den Anhänger geladen werden. Ich hörte aus der Ferne wieder die Stimme der Nachbarin Hanifeeeeee, deine Mutter wurde in die Stadt zu einem Gesundheitszentrum gebracht, ihr soll es elend gehen. Ich lief zur Stadt, zu Fuß, drei Stunden. Ich ging die Treppen des Gesundheitszentrums hoch und fragte jeden nach ihr, der mir begegnete. Der Oberarzt sagte mit seinem arroganten Blick, dass meine Mutter sofort nach der Einweisung gestorben sei. Wo ist sie fragte ich mit zitternder Stimme. Sie hatte keine Geburtsurkunde, deshalb hat man sie auf einem der Friedhöfe begraben, auf welchem, das kann ich Ihnen aber jetzt nicht genau sagen. Meine Tränen überfluteten den eisigen Boden. Wenn man mir nur gesagt hätte, wo sie liegt. An ihrem Grab ein paar Suren aus dem Koran lesen, für sie beten, um Erlösung bitten, selbst diesen letzten Dienst hat man mir verweigert. Meine Mutter kam aus der Fremde. Wenn deine Wurzeln nicht der gleichen Erde angehören, bist du verdammt. Den Strick nimmt dir keiner mehr vom Hals, du musst ihn bis zu deinem Ende tragen. Du hast nicht einmal das Recht, am Grab deiner Mutter die Suren zu lesen. Die Suren, die ihren Geist erlösen sollen. Nicht einmal das darfst du.

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Der Autor

Dinçer Güçyeter, geboren 1979 in Nettetal ist ein deutscher Theatermacher, Lyriker, Herausgeber und Verleger. Güçyeter wuchs als Sohn eines Kneipiers und einer Angestellten auf. Er machte einen Realschulabschluss an einer Abendschule. Von 1996 bis 2000 absolvierte er eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker. Zwischenzeitlich war er als Gastronom tätig. Im Jahr 2012 gründete Güçyeter den ELIF Verlag mit dem Programmschwerpunkt Lyrik. Seinen Verlag finanziert Güçyeter bis heute als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit. 2017 erschien Aus Glut geschnitzt, und 2021 Mein Prinz, ich bin das Ghetto. 2022 wurde Güçyeter mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt in Nettetal.